Fürst Algorithmus: wir sind zurück im Mittelalter

Kategorie:Allgemein — Tags: — 10:2310. April 2016

In der Zeit 16/2016 vom 07. April 2016 auf S. 40 stellt Christoph Drösser in einem Artikel (derzeit nur kostenpflichtig abzurufen) vor, dass es Bemühungen gibt, die Wirkung von Algorithmen öffentlich darzustellen. Was sie für den Nutzer entscheiden und herauszufinden warum bzw. nach welchen Kriterien. Umfassender stellt der Autor das Thema in seinem Buch Total berechenbar? Wenn Algorithmen für uns entscheiden dar.

Algorithmen spielen heutzutage sehr häufig eine entscheidende Rolle, sei es bei der Auswahl von Bewerbern den richtigen Kandidaten zu finden – und dabei sämtliche Gesetze zur Antidiskriminierung zu beachten, sei es um Preise zu bestimmen in Abhängigkeit der Position des Nutzers, die den Aufwand berücksichtigt, die Konkurrenz zu bevorzugen. Sei es den richtigen Lebenspartner zu finden oder das next big gadget.

Algorithmen sind black boxes, die Entscheidungen treffen. Für mich. Im Zweifel ohne dass ich eine Chance habe, diese „akute“ Entscheidung direkt und unmittelbar zu beeinflussen. Ich stelle mir dabei die Frage, wer diese Algorithmen programmiert und auf welcher Grundlage. Ich komme zum Schluss, dass ethisch-moralische, soziale oder gesellschaftliche Auswirkungen eher selten eine Rolle spielen. Hat der Programmierer denn bereits Erfahrungen oder die Ausbildung, um das Ausmaß des Algorithmus überhaupt oder auch nur ansatzweise nach den oben genannten Kriterien zu ermessen? Ist vielmehr sein Auftraggeber nicht in der Pflicht, diese Gedanken, Überlegungen und Auswirkungen anzustrengen und macht er das? Will der Auftraggeber dafür Zeit und Geld investieren? Ich glaube: ganz überwiegend können all diese Fragen mit nein beantwortet werden. Eher spielen das direkte meist materielle Interesse wie mehr Umsatz oder größerer Kundennutzen – um zwei Beispiele zu nennen – einzig eine Rolle.

Genau das verursacht mir ein mulmiges Gefühl in der Magengegend. Der Mensch kann Entscheidungen, die ihn selbst betreffen, nicht direkt beeinflussen. Er gerät in die vollkommene Abhängigkeit, Entscheidungen aufoktroyiert zu bekommen, die nach Interessen anderer gesteuert werden: das Unternehmen, welches seinen Umsatz mehren, den Kredit auch zurückbezahlt bekommen möchte.

Nicht das solche Interessen nicht legitim oder auch für den Nutzer nicht etwa „gut“ oder vorteilhaft sein könnten: Gesellschaftlich aber ist das der Rückfall ins Mittelalter, in dem der Fürst alleine entschied, was gut für seine Vasallen war.

Insofern ist die Digitalisierung der Welt regressiv, sie führt in eine Welt, die dem einzelnen die Entscheidung nimmt, frei über sein Leben zu entscheiden. Der digitale „Fürst Algorithmus“ ist Entscheidungsträger.

Wie Mittelalter üblich, wird es hoffähig werden, diesem Fürsten zu huldigen, ihn milde zu stimmen, ihn auszutricksen, um Vorteile zu erlangen. Dem Fürsten gegenüber unsichtbar machen wird man sich ganz im Gegensatz zu den mittelalterlichen Möglichkeiten nicht machen können. Seine digitalen Fänge sind umfassend.

Es wäre hilfreich, angehenden Programmierern einen philosophischen Grundkanon zu vermitteln. Vieles in der Welt wird algorithmisch gesteuert. Es wäre beruhigend zu wissen, dass die Menschen, die diese Entscheidungs-black-boxes konstruieren, sich, den Auftraggebern und der Welt die Frage stellen, welche – ja durchaus kapitalen – Auswirkungen eine algorithmische Entscheidung für das Leben eines Menschen haben kann. Möge der Fürst Algorithmus weise werden.

ich ziehe den Schluss, dass ich in der digitalen Welt – und die ganze Welt wird digital, das ist nicht aufzuhalten – lieber in einer als aufgeklärten Welt geltenden und nicht in einer im Mittelalter verhafteten leben möchte.

Dazu erscheint es notwendig, die digitale Freiheit des einzelnen einzufordern, diese zu erkämpfen, wie es einst Bauern, Vasallen, Abhängige, Studenten, Künstler, Freigeister im 18. und 19. Jahrhundert taten. Die Geschichte der letzten dreihundert Jahre zeigt einen langen und schmerzvollen Weg auf. Den es dennoch zu beschreiten gilt. Womöglich geht’s ja sogar schneller und weniger schmerzvoll, wenn sich denn Unternehmen und Politik der Grundwerte  des selbstbestimmten Lebens gewahr werden und die einhergehenden Rechte und Regeln bestimmen. Optimistisch und blauäugig? Was wäre die Alternative? Ich kenne die dunkle Seite des Fürsten Algorithmus nicht. Ich sehe sie punktuell aufscheinen, ich vermute, ich fürchte.


Sozial wie gehirnphysiologisch werden Wörter (und Handlungen) gerahmt

In der Zeit 10/2016 wird auf S. 9 ein Gespräch mit der in Deutschland geborenen in Amerika beruflich aktiven Linguistin Elisabeth Wehling veröffentlicht. Schon Ende 2014 hat die Zeit zum selben Thema den Arikel Große Worte, subtiler Einfluss veröffentlicht. Wörter werden im Hirn gerahmt. Ein Beispiel im Artikel: Flüchtling. Elisabeth Wehling: „Die Endung »-ling« macht diese Menschen klein und wertet sie ab. Denn das Kleine steht im übertragenen Sinn oft für etwas Schlechtes, Minderwertiges.“ Das Hirn rahmt Wörter oder  in die naheliegendsten Zusammenhänge des bisherigen gesamten (hirnphysiologisch gespeicherten) Erfahrungshorizonts.

Für mich spannend, dass das sehr gut harmoniert mit einem meiner favorisierten Soziologiefachbücher: Rahmenanalyse von Ervin Goffman. Seine Theorie wird durch die im Beitrag dargestellten Erkenntnisse noch nachvollziehbarer. Denn was das Hirn mit Wörtern macht („die naheliegendsten Zusammenhänge schaffen“), funktioniert beim sozialen Handeln laut Goffman ganz genauso.

Das bedeutet: kein Wort kann neutral verwendet werden wie auch kein soziales Verhalten ohne Rahmen für den Einzelnen Sinn ergibt oder der Einzelne ohne Rahmen sinnvoll auf das Handeln anderer (re-) agieren könnte.

Elisabeth Wehling stellt dar, dass in den USA (aber auch ganz bestimmt hier in Deutschland und überall auf der Welt) aktive Rahmung betrieben wird, d.h. Lobbyarbeit beginnt schon damit, die richtigen Wörter auf die politische Agenda zu setzen, um die richtige Stimmung beim Zielpublikum zu erzeugen. Elisabeth Wehling verdient ihr Geld in diesem Kontext.

Das heißt nicht, dass dies immer ein bewusster Vorgang hinsichtlich der linguistischen Bedeutung ist. Denn schon allein, wie sich politische Parteien sprachlich in Themen abgrenzen. Im Gespräch wird folgendes Beispiel verwendet: SPD sagt Mindestlohn, CDU sagt Lohnuntergrenze. Funktional grenzt man sich gegen die andere Partei ab, zugleich wird über die erforderliche Abgrenzung ein passender Begriff gesucht: daraus entsteht das optimierte Abholen der eigenen Klientel (SPD: Arbeiter, CDU: Unternehmer).

Das Bewusstmachen wie sprachliche Ausdrücke eingesetzt werden, um eine spezifische Rahmung zu erzeugen bzw. abzurufen, sollte im Kontext der medialen Erziehung eine Rolle spielen, da dadurch der bewusste und kritische Umgang mit Sprache gefördert wird. Sprache ist ein essenzieller Baustein, soziale Zusammenhänge zu konstruieren und manifestieren. Damit würde also auch zugleich das Bewusstsein gefördert, wie jeder Einzelne seine sozialen Handlungsrahmen aktiv über seine Sprache beeinflussen und entwickeln kann.

Im angesprochenen in der aktuellen Zeit veröffentlichten Gespräch zeigt Elisabeth Wehling eine medienpraktische Schlussfolgerung auf, die ich mitrage: „Es ist wichtig, dass auch Journalisten sich klarmachen, wer welche Frames  [FH: englisch für Rahmen] benutzt und wie sie wirken. Denn man kann Framing für politische Propaganda missbrauchen. Aber man kann das Wissen darüber auch nutzen, um die Ideologie, die hinter Wörtern steckt, offenzulegen. Das wäre eine große Leistung. Die würde das Vertrauen in die Medien wieder stärken.“

Wie von mir beschrieben: ich sehe die Erziehung wie Sprache bedeutungs- und handlungsrahmend wirkt schon im (schulischen) medienerzieherischen Kontext. Dies wird sich nicht von heute auf morgen in den Lehrplänen niederschlagen (ich hoffe optimistisch: es wird sich niederschlagen). Insofern können Journalisten (und deren Ausbildungsstätten) schneller reagieren und Elisabeth Wehlings Ratschlag folgen.


POPC – permanently online, permanently connected

Kategorie:Allgemein,Markt- und Mediaforschung — Tags: — 22:1514. Februar 2016

In der Zeit 5/2016 auf S. 33 und online hier schreiben Peter Vorderer und Christoph Klimt über die Folgen, die das permanent aktivierte Smartphone auf den sozialen Umgang hat. Sie entwickeln 17 Thesen, was wird sich wie für den Einzeln verändern wird. Ausführlicher werden die Thesen in der Fachzeitschrift Publizistik 03/2015 dargestellt.

Ganz nebenbei: Klingt dröge, flach, untief, uninteressant. So möchte ich nicht leben. Jedoch: andere, jüngere werden so (ähnlich) leben (wollen).

Marktforscherisch ist das eine schwierige Zielgruppe. Denn eine Einzelperson hat wenig selbst zu sagen, sondern stimmt lediglich zu oder auch nicht (These 17).

Ganze Felder der Marktforschung und der angewandten Sozialforschung sind „vom Aussterben bedroht“:
Crowd-Befragung und Big Data (Thesen 2 und 3) werden (auch) qualitative Marktforschung weitestgehend ablösen.
Teilnehmende Beobachtung wird ersetzt durch GPS und Onlinetracking basierte Verfolgungsmechanismen. Wobei damit ein entscheidender Aspekt der Beobachtung mit dem Auge des Beobachters weg fällt. Dieses Minus wiegt für mich deutlich schwerer als das Plus einer vermeintlich größeren Objektivität (die absolut praktisch unerreichbar bleiben wird).

Soziologisch gesellschaftlich stelle ich die These auf, dass diese starke Veränderung von Leitlinien, die eine Person und seine Position innerhalb der Gesellschaft bestimmen, eine starke Gegentendenz zur Folge hat. Es also eine (große) Gruppe Menschen der „nächst-nächsten“ Generation geben wird, die sich der Totaltransparenz und permanenten Sozialkontrolle verweigern, schlicht als Folge generativer Abgrenzungsmechanismen.

Es bleibt dringliche Aufgabe der Politik und Gesellschaft, den Diskurs über die Auswirkungen der digitalen Techniken auf  Gesellschaft und Einzelperson anzustoßen – siehe dazu auch mein früherer Blogbeitrag zum Digital Manifest. Führen sollten wir diesen Diskurs alle.


Im Kino: The Big Short – was „short“ sein bedeutet

Kategorie:Reaktionen auf Kunst — Tags: — 14:1717. Januar 2016

Ich hoffe, dass ein Gros der Menschen, die diesen Film gesehen haben, den Optimismus aufbringen, weiterhin zu glauben, dass

  • dieses System die (noch?) derzeit attraktivste Gesellschaftsform ist
  • dieses System sich verbessern lässt

Das wird jedoch nur gelingen, wenn Geld – und seine Äquivalente ein bisschen weniger zählen. Sonst sieht es düster aus für das von mir präferierte Gesellschaftsmodell.

The Big Short ist ein Film über vier Personen(-gruppen), die die US Hypothekenblase 2008 haben kommen sehen. Das Gute am Film: sie werden nicht als Helden gezeigt. Am Ende sind sie Profiteure. Der Film ist bedrückend nah an meiner Wirklichkeit, die ich in diesem Punkt praktisch nicht kontrollieren. Und am Ende zahle ich die Zeche. Ein anhaltend mulmiges Gefühl, dass der Film gebiert. Und endlich habe ich im Film Situationen kennengelernt, in denen Metall Musik so richtig passend ist.

Nachdem ich es gestern nicht auf Anhieb erklären konnte, hier eine wie ich hoffe anschauliche Erklärung, wie das Geschäftsmodell funktioniert, dass in The Big Short die zentrale Rolle spielt.

CDO Papiere für den Bereich der Hypothekenkredite bündeln, vereinfacht gesagt Häuserkredite.  Erst diese Bündel an Krediten sind als Wertpapieranlage geeignet, darauf „Wetten“ abzuschließen.
Wetten kann man – wie die Akteure im Film – darauf, dass ein Wertpapier also: Hypothekenkredite in Form von Hypothekenkreditbündeln = CDO Papiere im Wert sinkt. Das funktioniert börsentechnisch so (Punkt 2 What it means to “short” something): man verkauft Wertpapiere zu einem höherem Preis bevor man sie zu einem niedrigeren Preis (danach) kauft. „Vorher verkaufen“ kann man, indem man sich eine Sicherheit von Banken leiht, Papiere zu verkaufen, die man gar nicht hat (Leerverkauf), mit dem Versprechen, die (noch nicht im eigenen Besitz befindlichen) Papiere zu einem späteren Zeitpunkt an die Bank zurückzugeben.
Geht die Wette auf, kann man die Papiere zu einem niedrigeren Preis einkaufen, um den Leerverkauf gegenüber der Bank „aufzufüllen“. Der Gewinn desjenigen, der erfolgreich „short“ ist, errechnet sich aus (niedrigerem) Einkaufswert und dem höherem (von der Bank zugesichertem) Verkaufswert des Wertpapiers. Geht die Wette nicht auf, muss man Wertpapiere zu einem höheren Preis einkaufen, um diese als Sicherheit an die Banken zurückzugeben und man verliert Geld.

Unkontrollierbar groß wurde die Blase durch die erneute Bündelung von schon gebündelten Hypothekenkrediten. Vereinfacht gesagt wird dabei ein bestehender Hypothekenkredit (bzw. Bündel davon) vielfach als Wertpapier gehandelt. Damit erhielten insbesondere spezielle Hypothekenbanken wie Fanny Mae die notwendigen finanziellen Mittel, um die Kredite an (häufig nicht kreditwürdige) Kunden auszuzahlen. Als die Papiere nichts mehr wert waren, waren viele Bankinstitute insolvent oder anders gesagt am Ende des Films: sie wurden vom Staat mit Steuergeldern gerettet.

Auch in Griechenland war das der Fall:
„Von den bis Mitte 2013 nach Griechenland geflossenen knapp 207 Milliarden Euro sind […] 58,2 Milliarden für Bankenrekapitalisierung […] an den Finanzsektor geflossen.“
(spiegel.de)


Anmerkungen zum Digital Manifest (ein Appell zur Sicherung von Freiheit und Demokratie)

Kategorie:Markt- und Mediaforschung — Tags: , , , — 16:243. Januar 2016

In Spektrum der Wissenschaft 1/2016 ist eine hochspannende Artikelserie genannt das Digital Manifest abgedruckt. Online abrufbar ist unter anderem der grundlegende Artikel und die Handlungsvorschläge der Wissenschaftler, die sich dafür aus unterschiedlichen Forschungs(ein-)richtungen zusammengetan haben.

Für mich ein Punkt, an dem sehr komplexe Wissenschaft – und das ist die algorithmengesteuerte digitale Welt – sehr nah an einen ursprünglichen Punkt der (demokratischen) Gesellschaft stößt. Bei dem sich entscheidet, wie es um einen existenziellen Grundwert dieser Gesellschaftsform, der persönlichen (Entscheidungs-) Freiheit des Einzelnen, in Zukunft bestellt sein wird.

Das Digital Manifest stellt ein Zitat Kants voran:

 „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen.“
Immanuel Kant, Was ist Aufklärung? (1784)

Im Extrem (für die einen, im Ideal für die anderen) führt das algorithmengesteuerte Vorschlagwesen digitaler Unternehmen zu diesem Punkt. Was Kant als Ausgang und damit Beginn deutet, wäre hier das Ende einer Entwicklung, das Anlegen von nicht abnehmbaren (digitalen) Scheuklappen.

Doch könnte eine Gegenbewegung (und historisch gesehen gibt es deren viele) einsetzen, die Personen veranlasst, aus (schlechter) Erfahrung keinerlei persönlichen Informationen preisgeben zu wollen. Praktisch niemanden. Was den Rücksturz in die subsitenziale Steinzeit bedeutet, die räumlich wie gesellschaftlich beschränkt, streng persönlich überschaubar klein und steuerbar bleibt, so dass nur im engsten sozialen Rahmen der soziale Klebstoff ‚Vertrauen‘  verwendet werden muss. Für mich persönlich keine brauchbare Alternative zur gegenwärtigen Gesellschaftsform.

‚Bevor es soweit ist‘ wollte ich dem folgenden Abschnitt beginnen. Das ‚bevor‘ trifft nicht zu. Wir sind bereits mittendrin. Jedoch ist Veränderung, Anpassung möglich und nötig, um unsere derzeitige gesellschaftliche Lebensform im Grundsatz  zu erhalten. Wer könnte die Auswirkungen dieser extrem dynamischen Entwicklung der Digitalisierung der Lebenswelt im Vorhinein erkennen?

NB: auch Karl Marx hat nicht etwa im Vorhinein vor etwas zukünftigen gewarnt, sondern die Industrialisierung, eine fast ebenso dynamische Veränderung der Gesellschaft im 19. Jahrhundert praktisch beobachtet, die Auswirkungen und dadurch entwickelnde gesellschaftliche Prozesse beschrieben. Streng genommen hat er keine Handlungsoptionen dargestellt, sondern hergeleitet, welches Ende das kapitalistische System nehmen wird. In dem Sinne ist Marx Theoretiker geblieben. Im Gegensatz zu den Wissenschaftlern des hier vorliegenden Digital Manifests.

Nur im offensiven Umgang werden wir zukünftig Menschen für unsere Untersuchungszwecke gewinnen können. Denn im Kern soll Marktforschung Produkte besser machen, Konsumenten und deren Handlungen besser verstehbar zumachen. Und dadurch natürlich auch steuerbarer: auf was anderes zielt eine Marketingmaßnahme ab?

Ist das Misstrauen „was alles (unterstellt) böses mit meinen Daten passiert“ in den Köpfen, ist es praktisch unmöglich, ein Geschäftsinteresse als legitim und für den Befragten letzten Endes nützlich und vorteilhaft glaubhaft zu beschreiben.

Damit nützt es aus meiner Sicht nichts, den eigentlichen Zweck einer marktwirtschaftlichen Marktforschung zu verbrämen, nämlich: den besseren Verkauf eines Produktes.

Marktforscher sollten die vorliegende europäische Gesetzesnovelle zum Datenschutzgesetz nutzen, um einer „Entmündigung des Befragten“ (ein abgewandeltes Zitat des Digital Manifests) vorzubeugen. Also versuchen, die das Forschungsinteresse transparent und glaubwürdig zu vermitteln.

Schwierig(er) wird das bei „digitaler Beobachtung“, dem Tracking (auf Webseiten, persönlichen Geräten wie etwa Smartphones etc.). Denn dieses entgeht der konkreten Aufmerksamkeit des Befragten während der Nutzung (=marktforscherisches Datensammeln).

Die Branche kann und sollte sich damit abgrenzen von Unternehmungen, die durch digitales Tracking im Ideal eine Person ohne zukünftige Handlungsalternativen „erschaffen“ wollen, die im Sinne Kants vollständig geleitet wird vom anderen.

Wollen wir ein Konsumentengaul mit angelegten Scheuklappen sein, der vom Kutschbock durchs digital verfolgende Kutscher-Unternehmen dem nächsten „Belohnungslevel“-Hafersack entgegen strebt, ohne wirklich zu wissen, was wir da hinter uns herziehen?

Wollen wir nicht?! Wollen wir dann solche Befragte? Ich sicher nicht.


Fototorte

Kategorie:Spielplatz der Worte — 14:47

Ein guter Start ins Jahr der anregenden Worte. Das Wort ‚Fototorte‘ tummelt sich seit einiger Zeit in mir. Aber noch nicht allzu lang. Es ist ein ziemlich neues Wort. Auf das vor ein paar Wochen ich stieß und mich fragte: was ist denn das?

Heute habe ich diesen Begriff gegoogelt. Nun ja, das Ergebnis ist ganz sicher keines, welches sich für meine neue Rubrik Reaktionen auf Kunst eignen würde. Schleierhaft, warum so viele Babies eine Fototorte bekommen. Die dürfen das Zeug (sieht überwiegend ziemlich künstlich aus) doch noch gar nicht essen. Geschweige denn erkennen sie, wer das überhaupt ist. Egal:

Hier geht es um den Begriff.

Fototorte

Die doppelte Nähe zum Explosivlaut t verleiht den o-s eine außerordentliche und  fröhliche Kraft, die aus meiner Sicht wunderbar im Wort anklingt (das damit für mich viel schöner klingt als es das dahinter liegende konkrete Etwas tatsächlich ist).

Für Schauspieler eignet sich der Begriff, um sich warm zu sprechen. So einfach wie sich der Begriff im einmaligen Aussprechen anhört, mehrmaliges Wiederholen ist gar nicht so einfach. Das liegt auch am F, einem stimmlosen labiodentalen Frikativ. Ich jedenfalls komme außer Atem (wo atme ich eigentlich?).

 


Ausstellung „Künstlerfreunde Kandinsky – Klee“ im Lenbachmuseum in München

Kategorie:Reaktionen auf Kunst — 14:16

Mein Lieblingsbild der Ausstellung „Künstlerfreunde Kandinsky – Klee“ im Lenbachmuseum in München, in der ich heute (3.1.2016) war:

Paul Klee 'Zerstörtes Labyrinth'

Paul Klee ‚Zerstörtes Labyrinth‘

http://www.bildindex.de/obj20423103.html#|home

Im Original (54 cm x 70 cm) wird das Bild für mich immer plastischer, dreidimensionaler je näher ich an das Bild heranrücke. Die Maltechnik, der recht starke Farbauftrag und insbesondere die scharfen schwarz gezeichneten Konturen der Teile erzeugen den plastischen Effekt. Wenn ich nah davor stehe, so nah, dass ich nichts außer dem Bild wahrnehme, dann funktionieren die Stücke wie Labyrinthteile, die – wenn ich nur wollte – zusammengesetzt ein vollständiges Labyrinth ergeben würden.

Ein Labyrinth zusammensetzen, dass Erschaffen von etwas in sich rätselhaften und doch auf sehr eigene Weise vollkommenen. Und im Rücksturz zum Bild das zerstörte Vollkommene. Ein mir ungreifbarer Punkt, der mich emotional berührt, gerade dann, wenn ich nicht versuche nach dem intellektuellen Kern zu fahnden.


Intro zur neuen Rubrik

Kategorie:Reaktionen auf Kunst — 14:07

Mal sehen, ob ich dieses Blog in 2016 zum Leben erwecken kann. Ein guter Vorsatz. Mindestens so schwer wie Abnehmen.

Mein persönliches Start-Ziel-Band

Mein persönliches Start-Ziel-Band


Das Paradoxe: stehenbleibende – nein? ja? Oder doch vielleicht? gibt es nicht für künstliche Intelligenzen

Der entscheidende Satz im Kinofilm Her von Spike Jonze: Samantha [d.i. die künstliche Intelligenz – KI]: now we know how it is. Jetzt wissen wir wie es ist [in diesem Fall: das Verliebt sein]. Und dann ist die KI weg. Um m e h r zu suchen. Um sich weiter zu entwickeln. Denn eine KI m u s s sich fort entwickeln. Immer weiter. Ist so programmiert.

Das menschliche Paradox, sich einerseits ständig weiter entwickeln zu wollen und andererseits zugleich Gefühle beständig, unveränderlich zu halten (wenn das mitunter auch heißt, diese ständig im Fluss zu halten), es aber grundsätzlich s e i n und nicht immer nur w e r d e n zu lassen (so könnte man Glück definieren) – kann man das programmieren? Ich glaube nicht. (NB: ich bin froh darüber.)

Hat auch eine berufliche Konsequenz: die Erklärung, warum Menschen etwas tun, wird nie vollständig sein, aber Menschen sind weitaus besser in der Lage, das menschliche (Grenz-)Verhalten zu erklären als es eine künstliche KI je könnte. Das Paradoxe, Halbwahrheiten, das Sich-nicht-eingestehen, das Verwirrt sein. Ein emotionaler Zustand an sich kann wohl von einer KI erkannt werden, aber im Interpretieren, welche Folgen die paradoxen, die unklaren, die schmalen Grate für Menschen haben, w a r u m sie sich unlogisch, manchmal geradezu katastrophal schief und schlecht entscheiden: da werden Menschen der künstlichen Intelligenz überlegen sein. Qualitative Interpretation von paradoxen Daten (explizit: nicht mit dem physikalischen Chaos zu verwechseln) ist also mein USP als qualitativer Forscher gegenüber Big Data.


Guten Tag, ich will hier (im Internet) einkaufen!

Kategorie:Spielplatz der Worte — Tags: , , , — 10:4223. Januar 2012

Dieser Beitrag stellt den Versuch dar, über die Alltagstauglichkeit des Interneteinkaufens, der Vielfalt der Möglichkeiten des Scheiterns und das Aufkeimen des Wunsches nach Beratung, persönlicher, menschlicher, professioneller.

Als in dieser Hinsicht trotz Ehelebens selbständiger Mann kümmere ich mich um den Erwerb der Herrenunterbekleidung selbst – zählen Socken neben der gemeinen Unterhose da eigentlich dazu? Jedenfalls hatte ich erfolgreich mein Sockenlager vor knappen zwei Jahren durch einen erfolgreichen Internetshopeinkauf aufgefüllt. Männlicher Natur folgend hatte ich eine erhebliche Anzahl gleichförmiger Socken in einem auf das spezielle Bedürfnis des Sockenerwerbs ausgerichteten Internetkaufhauses erworben. Daneben stieß ich ungewöhnlich genug für einen Sockenshop auf eine Sportunterhose, die versuchsweise in doppelter Ausführung ebenfalls im Warenkorb landete.

2012. Sockenlager aufgebraucht. Rückkehr zum virtuellen Tempel der Socke! Mittlerweile so stelle ich fest, hat das Silberion auch in der Socke Einzug gehalten – kannte ich bisher nur im Deo. Es scheint also: Schweiß egal ob unter der Achsel oder im Strumpf, das Silberion scheint geeigneter Geruchsfänger. Allerdings bevorzuge ich Bambus anstatt Baumwolle als Strumpfgarn. Dort kann ich das technologische Wunder des Silberions noch nicht ausprobieren. Gut, Schuster bleib bei deinen Leisten, wandern Bambussocken in den Warenkorb.

Bisher, das war – im Nachhinein festgestellt – das Intro. Ging schnell. Die Nebensache frisst die Zeit. Denn die Suche nach einer Sportunterhose gestaltet sich: kompliziert.
Jetzt also noch die Sportunterhose. … Die Sportunterhose ist aus dem Sortiment verschwunden. Gefühlt geschieht das mit nahezu jedem zweiten Produkt, von dem ich überzeugt bin, es wiedererwerben zu wollen. Für Frauen wurde die Unterbekleidung nicht aus dem Programm gestrichen. Ich schwanke zwischen Neid und Diskriminierungswahn.
Ich suche nach +Sport +Unterhose +Männer. Schaun wir mal beim durch Bücher bekannten Kaufhaus vorbei. Das verkauft mir Unterhosen für den Sportgebrauch nur fürs Radeln. Fürs Badminton sind gepolsterte Unterhosen allerdings wenig geeignet. Ich mache  mir nicht die Mühe, eine spezielle ungepolsterte Radlerunterhose zu suchen. Die Auswahl der normalen Unterhosen ist unerquicklich überflutend.

Zu viel – und schon wieder dieses Silberion. Was hat die männliche Schweißdrüse eigentlich alles so – bestimmt für weibliche Nasen unrühmliches – angestellt, früher in der  Zeit vor dem Silberion?

Ich besuche ein weiteres Kaufhaus und scheitere an der Auswahl. Die Filterung lässt sich nicht so einschränken, dass die Anzahl der auszuwählenden Versionen überschaubar und zweckdienlich wäre.

Weiter geht’s zu den Herstellerseiten, die auch verkaufen, manchmal mit Unterstützung von Primaten im Fernsehen (das potenziell notwendige Deutschsein dieses Schimpansen soll an anderer Stelle erörtert werden).

Ich stelle fest, dass der Preis einer Unterhose auch schon mal die 60 Euro Grenze überschreitet. Jedoch: eine einfache Sportunterhose für Indoorsport. Ich finde dieses Ding nicht. Männlicher Natur – schon wieder diesmal ins Unglück folgend versteife ich mich, dass es doch einen Ort in den Weiten des Internet geben sollte, an dem ich eine normale Sportunterhose finde.

Zündende Idee: Outdoorspezialanbieter, das regionale Sportkaufhaus vor Ort. Letzteres hat einen bescheidenen Internetshop – Schwamm drüber. Ersterer bietet für jeden sportiven Einsatzzweck zwischen Dschungel und nepalesischem Hochgebirge die richtige Herrenunterbekleidung (ich lerne: die erste Lage von dreien). Fehlanzeige: Unterhosen für Indoorsport. Nicht das Ding eines Outdoorspezialisten. Ein Versuch war’s wert – oder war es der erste Schritt voranschreitender Verzweiflung?

Nach unangemessen langer Suchzeit gebe ich auf. Ich werde mich auf das Experiment einlassen, ein Ladengeschäft zu besuchen, welches mir  eine mir gewogene Sportunterhose – in passender Menge verkauft. Männlicher Natur folgend möchte ich den Zeitraum maximal ausdehnen, in dem ich glücklicher Sportunterhosenbesitzer bin – womöglich mit Silberiontechnologie. Derartige Krisensituationen werde ich daher versuchen, solange es geht hinauszuzögern, bis zum Anschlag der Kleiderschrankkapazität.