Im Kino: The Big Short – was „short“ sein bedeutet

Kategorie:Reaktionen auf Kunst — Tags: — 14:1717. Januar 2016

Ich hoffe, dass ein Gros der Menschen, die diesen Film gesehen haben, den Optimismus aufbringen, weiterhin zu glauben, dass

  • dieses System die (noch?) derzeit attraktivste Gesellschaftsform ist
  • dieses System sich verbessern lässt

Das wird jedoch nur gelingen, wenn Geld – und seine Äquivalente ein bisschen weniger zählen. Sonst sieht es düster aus für das von mir präferierte Gesellschaftsmodell.

The Big Short ist ein Film über vier Personen(-gruppen), die die US Hypothekenblase 2008 haben kommen sehen. Das Gute am Film: sie werden nicht als Helden gezeigt. Am Ende sind sie Profiteure. Der Film ist bedrückend nah an meiner Wirklichkeit, die ich in diesem Punkt praktisch nicht kontrollieren. Und am Ende zahle ich die Zeche. Ein anhaltend mulmiges Gefühl, dass der Film gebiert. Und endlich habe ich im Film Situationen kennengelernt, in denen Metall Musik so richtig passend ist.

Nachdem ich es gestern nicht auf Anhieb erklären konnte, hier eine wie ich hoffe anschauliche Erklärung, wie das Geschäftsmodell funktioniert, dass in The Big Short die zentrale Rolle spielt.

CDO Papiere für den Bereich der Hypothekenkredite bündeln, vereinfacht gesagt Häuserkredite.  Erst diese Bündel an Krediten sind als Wertpapieranlage geeignet, darauf „Wetten“ abzuschließen.
Wetten kann man – wie die Akteure im Film – darauf, dass ein Wertpapier also: Hypothekenkredite in Form von Hypothekenkreditbündeln = CDO Papiere im Wert sinkt. Das funktioniert börsentechnisch so (Punkt 2 What it means to “short” something): man verkauft Wertpapiere zu einem höherem Preis bevor man sie zu einem niedrigeren Preis (danach) kauft. „Vorher verkaufen“ kann man, indem man sich eine Sicherheit von Banken leiht, Papiere zu verkaufen, die man gar nicht hat (Leerverkauf), mit dem Versprechen, die (noch nicht im eigenen Besitz befindlichen) Papiere zu einem späteren Zeitpunkt an die Bank zurückzugeben.
Geht die Wette auf, kann man die Papiere zu einem niedrigeren Preis einkaufen, um den Leerverkauf gegenüber der Bank „aufzufüllen“. Der Gewinn desjenigen, der erfolgreich „short“ ist, errechnet sich aus (niedrigerem) Einkaufswert und dem höherem (von der Bank zugesichertem) Verkaufswert des Wertpapiers. Geht die Wette nicht auf, muss man Wertpapiere zu einem höheren Preis einkaufen, um diese als Sicherheit an die Banken zurückzugeben und man verliert Geld.

Unkontrollierbar groß wurde die Blase durch die erneute Bündelung von schon gebündelten Hypothekenkrediten. Vereinfacht gesagt wird dabei ein bestehender Hypothekenkredit (bzw. Bündel davon) vielfach als Wertpapier gehandelt. Damit erhielten insbesondere spezielle Hypothekenbanken wie Fanny Mae die notwendigen finanziellen Mittel, um die Kredite an (häufig nicht kreditwürdige) Kunden auszuzahlen. Als die Papiere nichts mehr wert waren, waren viele Bankinstitute insolvent oder anders gesagt am Ende des Films: sie wurden vom Staat mit Steuergeldern gerettet.

Auch in Griechenland war das der Fall:
„Von den bis Mitte 2013 nach Griechenland geflossenen knapp 207 Milliarden Euro sind […] 58,2 Milliarden für Bankenrekapitalisierung […] an den Finanzsektor geflossen.“
(spiegel.de)


Anmerkungen zum Digital Manifest (ein Appell zur Sicherung von Freiheit und Demokratie)

Kategorie:Markt- und Mediaforschung — Tags: , , , — 16:243. Januar 2016

In Spektrum der Wissenschaft 1/2016 ist eine hochspannende Artikelserie genannt das Digital Manifest abgedruckt. Online abrufbar ist unter anderem der grundlegende Artikel und die Handlungsvorschläge der Wissenschaftler, die sich dafür aus unterschiedlichen Forschungs(ein-)richtungen zusammengetan haben.

Für mich ein Punkt, an dem sehr komplexe Wissenschaft – und das ist die algorithmengesteuerte digitale Welt – sehr nah an einen ursprünglichen Punkt der (demokratischen) Gesellschaft stößt. Bei dem sich entscheidet, wie es um einen existenziellen Grundwert dieser Gesellschaftsform, der persönlichen (Entscheidungs-) Freiheit des Einzelnen, in Zukunft bestellt sein wird.

Das Digital Manifest stellt ein Zitat Kants voran:

 „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen.“
Immanuel Kant, Was ist Aufklärung? (1784)

Im Extrem (für die einen, im Ideal für die anderen) führt das algorithmengesteuerte Vorschlagwesen digitaler Unternehmen zu diesem Punkt. Was Kant als Ausgang und damit Beginn deutet, wäre hier das Ende einer Entwicklung, das Anlegen von nicht abnehmbaren (digitalen) Scheuklappen.

Doch könnte eine Gegenbewegung (und historisch gesehen gibt es deren viele) einsetzen, die Personen veranlasst, aus (schlechter) Erfahrung keinerlei persönlichen Informationen preisgeben zu wollen. Praktisch niemanden. Was den Rücksturz in die subsitenziale Steinzeit bedeutet, die räumlich wie gesellschaftlich beschränkt, streng persönlich überschaubar klein und steuerbar bleibt, so dass nur im engsten sozialen Rahmen der soziale Klebstoff ‚Vertrauen‘  verwendet werden muss. Für mich persönlich keine brauchbare Alternative zur gegenwärtigen Gesellschaftsform.

‚Bevor es soweit ist‘ wollte ich dem folgenden Abschnitt beginnen. Das ‚bevor‘ trifft nicht zu. Wir sind bereits mittendrin. Jedoch ist Veränderung, Anpassung möglich und nötig, um unsere derzeitige gesellschaftliche Lebensform im Grundsatz  zu erhalten. Wer könnte die Auswirkungen dieser extrem dynamischen Entwicklung der Digitalisierung der Lebenswelt im Vorhinein erkennen?

NB: auch Karl Marx hat nicht etwa im Vorhinein vor etwas zukünftigen gewarnt, sondern die Industrialisierung, eine fast ebenso dynamische Veränderung der Gesellschaft im 19. Jahrhundert praktisch beobachtet, die Auswirkungen und dadurch entwickelnde gesellschaftliche Prozesse beschrieben. Streng genommen hat er keine Handlungsoptionen dargestellt, sondern hergeleitet, welches Ende das kapitalistische System nehmen wird. In dem Sinne ist Marx Theoretiker geblieben. Im Gegensatz zu den Wissenschaftlern des hier vorliegenden Digital Manifests.

Nur im offensiven Umgang werden wir zukünftig Menschen für unsere Untersuchungszwecke gewinnen können. Denn im Kern soll Marktforschung Produkte besser machen, Konsumenten und deren Handlungen besser verstehbar zumachen. Und dadurch natürlich auch steuerbarer: auf was anderes zielt eine Marketingmaßnahme ab?

Ist das Misstrauen „was alles (unterstellt) böses mit meinen Daten passiert“ in den Köpfen, ist es praktisch unmöglich, ein Geschäftsinteresse als legitim und für den Befragten letzten Endes nützlich und vorteilhaft glaubhaft zu beschreiben.

Damit nützt es aus meiner Sicht nichts, den eigentlichen Zweck einer marktwirtschaftlichen Marktforschung zu verbrämen, nämlich: den besseren Verkauf eines Produktes.

Marktforscher sollten die vorliegende europäische Gesetzesnovelle zum Datenschutzgesetz nutzen, um einer „Entmündigung des Befragten“ (ein abgewandeltes Zitat des Digital Manifests) vorzubeugen. Also versuchen, die das Forschungsinteresse transparent und glaubwürdig zu vermitteln.

Schwierig(er) wird das bei „digitaler Beobachtung“, dem Tracking (auf Webseiten, persönlichen Geräten wie etwa Smartphones etc.). Denn dieses entgeht der konkreten Aufmerksamkeit des Befragten während der Nutzung (=marktforscherisches Datensammeln).

Die Branche kann und sollte sich damit abgrenzen von Unternehmungen, die durch digitales Tracking im Ideal eine Person ohne zukünftige Handlungsalternativen „erschaffen“ wollen, die im Sinne Kants vollständig geleitet wird vom anderen.

Wollen wir ein Konsumentengaul mit angelegten Scheuklappen sein, der vom Kutschbock durchs digital verfolgende Kutscher-Unternehmen dem nächsten „Belohnungslevel“-Hafersack entgegen strebt, ohne wirklich zu wissen, was wir da hinter uns herziehen?

Wollen wir nicht?! Wollen wir dann solche Befragte? Ich sicher nicht.


Fototorte

Kategorie:Spielplatz der Worte — 14:47

Ein guter Start ins Jahr der anregenden Worte. Das Wort ‚Fototorte‘ tummelt sich seit einiger Zeit in mir. Aber noch nicht allzu lang. Es ist ein ziemlich neues Wort. Auf das vor ein paar Wochen ich stieß und mich fragte: was ist denn das?

Heute habe ich diesen Begriff gegoogelt. Nun ja, das Ergebnis ist ganz sicher keines, welches sich für meine neue Rubrik Reaktionen auf Kunst eignen würde. Schleierhaft, warum so viele Babies eine Fototorte bekommen. Die dürfen das Zeug (sieht überwiegend ziemlich künstlich aus) doch noch gar nicht essen. Geschweige denn erkennen sie, wer das überhaupt ist. Egal:

Hier geht es um den Begriff.

Fototorte

Die doppelte Nähe zum Explosivlaut t verleiht den o-s eine außerordentliche und  fröhliche Kraft, die aus meiner Sicht wunderbar im Wort anklingt (das damit für mich viel schöner klingt als es das dahinter liegende konkrete Etwas tatsächlich ist).

Für Schauspieler eignet sich der Begriff, um sich warm zu sprechen. So einfach wie sich der Begriff im einmaligen Aussprechen anhört, mehrmaliges Wiederholen ist gar nicht so einfach. Das liegt auch am F, einem stimmlosen labiodentalen Frikativ. Ich jedenfalls komme außer Atem (wo atme ich eigentlich?).

 


Ausstellung „Künstlerfreunde Kandinsky – Klee“ im Lenbachmuseum in München

Kategorie:Reaktionen auf Kunst — 14:16

Mein Lieblingsbild der Ausstellung „Künstlerfreunde Kandinsky – Klee“ im Lenbachmuseum in München, in der ich heute (3.1.2016) war:

Paul Klee 'Zerstörtes Labyrinth'

Paul Klee ‚Zerstörtes Labyrinth‘

http://www.bildindex.de/obj20423103.html#|home

Im Original (54 cm x 70 cm) wird das Bild für mich immer plastischer, dreidimensionaler je näher ich an das Bild heranrücke. Die Maltechnik, der recht starke Farbauftrag und insbesondere die scharfen schwarz gezeichneten Konturen der Teile erzeugen den plastischen Effekt. Wenn ich nah davor stehe, so nah, dass ich nichts außer dem Bild wahrnehme, dann funktionieren die Stücke wie Labyrinthteile, die – wenn ich nur wollte – zusammengesetzt ein vollständiges Labyrinth ergeben würden.

Ein Labyrinth zusammensetzen, dass Erschaffen von etwas in sich rätselhaften und doch auf sehr eigene Weise vollkommenen. Und im Rücksturz zum Bild das zerstörte Vollkommene. Ein mir ungreifbarer Punkt, der mich emotional berührt, gerade dann, wenn ich nicht versuche nach dem intellektuellen Kern zu fahnden.


Intro zur neuen Rubrik

Kategorie:Reaktionen auf Kunst — 14:07

Mal sehen, ob ich dieses Blog in 2016 zum Leben erwecken kann. Ein guter Vorsatz. Mindestens so schwer wie Abnehmen.

Mein persönliches Start-Ziel-Band

Mein persönliches Start-Ziel-Band


Das Paradoxe: stehenbleibende – nein? ja? Oder doch vielleicht? gibt es nicht für künstliche Intelligenzen

Der entscheidende Satz im Kinofilm Her von Spike Jonze: Samantha [d.i. die künstliche Intelligenz – KI]: now we know how it is. Jetzt wissen wir wie es ist [in diesem Fall: das Verliebt sein]. Und dann ist die KI weg. Um m e h r zu suchen. Um sich weiter zu entwickeln. Denn eine KI m u s s sich fort entwickeln. Immer weiter. Ist so programmiert.

Das menschliche Paradox, sich einerseits ständig weiter entwickeln zu wollen und andererseits zugleich Gefühle beständig, unveränderlich zu halten (wenn das mitunter auch heißt, diese ständig im Fluss zu halten), es aber grundsätzlich s e i n und nicht immer nur w e r d e n zu lassen (so könnte man Glück definieren) – kann man das programmieren? Ich glaube nicht. (NB: ich bin froh darüber.)

Hat auch eine berufliche Konsequenz: die Erklärung, warum Menschen etwas tun, wird nie vollständig sein, aber Menschen sind weitaus besser in der Lage, das menschliche (Grenz-)Verhalten zu erklären als es eine künstliche KI je könnte. Das Paradoxe, Halbwahrheiten, das Sich-nicht-eingestehen, das Verwirrt sein. Ein emotionaler Zustand an sich kann wohl von einer KI erkannt werden, aber im Interpretieren, welche Folgen die paradoxen, die unklaren, die schmalen Grate für Menschen haben, w a r u m sie sich unlogisch, manchmal geradezu katastrophal schief und schlecht entscheiden: da werden Menschen der künstlichen Intelligenz überlegen sein. Qualitative Interpretation von paradoxen Daten (explizit: nicht mit dem physikalischen Chaos zu verwechseln) ist also mein USP als qualitativer Forscher gegenüber Big Data.


Guten Tag, ich will hier (im Internet) einkaufen!

Kategorie:Spielplatz der Worte — Tags: , , , — 10:4223. Januar 2012

Dieser Beitrag stellt den Versuch dar, über die Alltagstauglichkeit des Interneteinkaufens, der Vielfalt der Möglichkeiten des Scheiterns und das Aufkeimen des Wunsches nach Beratung, persönlicher, menschlicher, professioneller.

Als in dieser Hinsicht trotz Ehelebens selbständiger Mann kümmere ich mich um den Erwerb der Herrenunterbekleidung selbst – zählen Socken neben der gemeinen Unterhose da eigentlich dazu? Jedenfalls hatte ich erfolgreich mein Sockenlager vor knappen zwei Jahren durch einen erfolgreichen Internetshopeinkauf aufgefüllt. Männlicher Natur folgend hatte ich eine erhebliche Anzahl gleichförmiger Socken in einem auf das spezielle Bedürfnis des Sockenerwerbs ausgerichteten Internetkaufhauses erworben. Daneben stieß ich ungewöhnlich genug für einen Sockenshop auf eine Sportunterhose, die versuchsweise in doppelter Ausführung ebenfalls im Warenkorb landete.

2012. Sockenlager aufgebraucht. Rückkehr zum virtuellen Tempel der Socke! Mittlerweile so stelle ich fest, hat das Silberion auch in der Socke Einzug gehalten – kannte ich bisher nur im Deo. Es scheint also: Schweiß egal ob unter der Achsel oder im Strumpf, das Silberion scheint geeigneter Geruchsfänger. Allerdings bevorzuge ich Bambus anstatt Baumwolle als Strumpfgarn. Dort kann ich das technologische Wunder des Silberions noch nicht ausprobieren. Gut, Schuster bleib bei deinen Leisten, wandern Bambussocken in den Warenkorb.

Bisher, das war – im Nachhinein festgestellt – das Intro. Ging schnell. Die Nebensache frisst die Zeit. Denn die Suche nach einer Sportunterhose gestaltet sich: kompliziert.
Jetzt also noch die Sportunterhose. … Die Sportunterhose ist aus dem Sortiment verschwunden. Gefühlt geschieht das mit nahezu jedem zweiten Produkt, von dem ich überzeugt bin, es wiedererwerben zu wollen. Für Frauen wurde die Unterbekleidung nicht aus dem Programm gestrichen. Ich schwanke zwischen Neid und Diskriminierungswahn.
Ich suche nach +Sport +Unterhose +Männer. Schaun wir mal beim durch Bücher bekannten Kaufhaus vorbei. Das verkauft mir Unterhosen für den Sportgebrauch nur fürs Radeln. Fürs Badminton sind gepolsterte Unterhosen allerdings wenig geeignet. Ich mache  mir nicht die Mühe, eine spezielle ungepolsterte Radlerunterhose zu suchen. Die Auswahl der normalen Unterhosen ist unerquicklich überflutend.

Zu viel – und schon wieder dieses Silberion. Was hat die männliche Schweißdrüse eigentlich alles so – bestimmt für weibliche Nasen unrühmliches – angestellt, früher in der  Zeit vor dem Silberion?

Ich besuche ein weiteres Kaufhaus und scheitere an der Auswahl. Die Filterung lässt sich nicht so einschränken, dass die Anzahl der auszuwählenden Versionen überschaubar und zweckdienlich wäre.

Weiter geht’s zu den Herstellerseiten, die auch verkaufen, manchmal mit Unterstützung von Primaten im Fernsehen (das potenziell notwendige Deutschsein dieses Schimpansen soll an anderer Stelle erörtert werden).

Ich stelle fest, dass der Preis einer Unterhose auch schon mal die 60 Euro Grenze überschreitet. Jedoch: eine einfache Sportunterhose für Indoorsport. Ich finde dieses Ding nicht. Männlicher Natur – schon wieder diesmal ins Unglück folgend versteife ich mich, dass es doch einen Ort in den Weiten des Internet geben sollte, an dem ich eine normale Sportunterhose finde.

Zündende Idee: Outdoorspezialanbieter, das regionale Sportkaufhaus vor Ort. Letzteres hat einen bescheidenen Internetshop – Schwamm drüber. Ersterer bietet für jeden sportiven Einsatzzweck zwischen Dschungel und nepalesischem Hochgebirge die richtige Herrenunterbekleidung (ich lerne: die erste Lage von dreien). Fehlanzeige: Unterhosen für Indoorsport. Nicht das Ding eines Outdoorspezialisten. Ein Versuch war’s wert – oder war es der erste Schritt voranschreitender Verzweiflung?

Nach unangemessen langer Suchzeit gebe ich auf. Ich werde mich auf das Experiment einlassen, ein Ladengeschäft zu besuchen, welches mir  eine mir gewogene Sportunterhose – in passender Menge verkauft. Männlicher Natur folgend möchte ich den Zeitraum maximal ausdehnen, in dem ich glücklicher Sportunterhosenbesitzer bin – womöglich mit Silberiontechnologie. Derartige Krisensituationen werde ich daher versuchen, solange es geht hinauszuzögern, bis zum Anschlag der Kleiderschrankkapazität.


Methodenvorstellung: Die Dialogische Introspektion in der Qualitativen Marktforschung

Kategorie:Markt- und Mediaforschung — 21:559. Januar 2012

Diese Methode biete ich aktiv gemeinsam mit meinen Kollegen vom qualitativem Forschungslabor in Hamburg an. Ein spannender wertvoller Blickwinkel ins Erleben des Konsumenten.

Sie hätten gerne Anschauungsmaterial? Unser Eigenprojekt haben wir durchgeführt zum Thema Modeeinkauf von Frauen, was ein Kleidungsstück zum Lieblingsteil werden lässt, welche Rolle Zeitschriften bei der „Modebildung“ spielen und sind daneben auf die Unterschiede zwischen Katalog- und Vor-Ort- Shoppen eingegangen.

Sie wollen mehr darüber erfahren? Melden Sie sich – bei mir direkt oder beim QFL – Qualitativem Forschungslabor.

Was ist Dialogische Introspektion?

Die Dialogische Introspektion ist eine Forschungsmethode zur Untersuchung bewusster innerer Vorgänge des Erlebens wie Denken, Erinnern, Fühlen, Vorstellen durch Selbstbeobachtung.

Die Methode wird in Gruppen durchgeführt, wobei die Gruppensituation dazu genutzt wird, um die oftmals unvollständige und chaotische Alltagsintrospektion systematisch zu erschließen und damit in ihrer Qualität zu verbessern.

Wer hat die Dialogische Introspektion entwickelt?

Sie wurde in den letzten Jahren an der Hamburger Universität im Rahmen der Hamburger Forschungswerkstatt  entwickelt (vgl. Burkart, Kleining, Witt: Dialogische Introspektion, VS Verlag, 2010).

Die Methode wurde an einer Vielzahl von unterschiedlichen Themenbereichen (Rezeption von Medien, von Architektur, Gefühls- und Erwägensprozesse, Erleben im Alltag) mit großem Erfolg erprobt.

Wie wird die Dialogische Introspektion durchgeführt?

  • Vorlage / Vorgabe eines Stimulus / einer Situation.
  • Jeder Teilnehmer beobachtet sich selbst und „hört in sich hinein“, soll sich treiben lassen.
  • Diese Selbstbeobachtungen zeichnet der Teilnehmer schriftlich für sich auf.
  • Jeder Teilnehmer stellt in einer ersten Runde seine Introspektion den anderen Teilnehmern mündlich vor, ohne dass er verbal oder non-verbal unterbrochen oder kommentiert wird.
  • Jeder Teilnehmer hat in einer zweiten Runde die Möglichkeit, seine Introspektion zu ergänzen und zu vertiefen, wenn ihm in der ersten Runde  durch das Gehörte  Ergänzungen eingefallen sind.

Die Analyse erfolgt durch Suche nach Gemeinsamkeiten in den Daten nach den Regeln der qualitativ-heuristischen Sozialforschung.

Was sind die Vorteile dieser Methode?

  • Sehr persönliche, vielschichtige und komplexe Beschreibung dessen, was der Stimulus auslöst.
  • Emotionale, unzensierte Beschreibung des Stimulus in seiner individuellen Wirkung und Bedeutung.
  • Geringe gruppendynamische Einflüsse, der Moderator ist hauptsächlich Instruktor.
  • Keine Begrenztheit in der Durchführung – Introspektion kann zuhause, im Studio oder zwischendurch gemacht werden.
  • Für viele Fragestellungen und Stimulusformen geeignet.
  • Anschlussfähig an andere qualitative und quantitative Methoden – GDs, Einzelinterviews, Selbstausfüller, Tagebücher, „Hausbesuche“, Home-Use Tests.
  • Soziodemografische, internationale und interkulturelle Vergleiche möglich.
  • Die Auswertung des Datenmaterials fokussiert  auf die Gemeinsamkeiten der einzelnen Introspektionen. Damit können individual-situative und überindividuell verallgemeinerbare Einsichten gewonnen werden.

Wie lässt sich die Dialogische Introspektion in der Marktforschung einsetzen?

Das subjektive Erleben des Konsumenten ist bedeutsam für seine Haltung zu Produkten. Es bildet die Basis für seine Konsumentscheidungen und spiegelt seine Erfahrungen bei der Produktverwendung und -nutzung. Während andere Methoden nur einen fragmentarischen introspektiven Anteil haben, ermöglicht es die Introspektion am besten, dieses Erleben zu erfassen, z.B.

  • Erlebnisqualitäten von Produkten,
  • Erleben bei Konsumentscheidungen,
  • Erleben des Kaufkontextes,
  • Erleben von Konsumsituationen.

Welche Untersuchungstypen sind möglich?

Experimenteller Ansatz
Konsumenten werden mit Produkten, Produktaspekten, Kommunikation konfrontiert.

Retrospektiver Ansatz
Konsumenten werden gebeten, sich an ihr Erleben von Produkten, Konsumsituationen, Kaufentscheidungssituationen zu erinnern.

Ökologischer / ethnografischer Ansatz
Konsumenten registrieren ihr Erleben in ihrem Alltag in der relevanten Konsumsituation und kommen später in der Gruppe zusammen, um ihr Erleben mitzuteilen.

Falls Sie diese Methode interessiert, erhalten Sie weitere Informationen:

QFL – Qualitatives Forschungslabor

Copyright
© QFL-Qualitatives Forschungslabor / simmelbarsch.forschung Hamburg


Missverständnis „Fokusgruppe 2.0“

Kategorie:Markt- und Mediaforschung — Tags: , , — 17:2223. Juni 2011

Hier das Intro einer Xing Marktforschungsgruppe:

„Focus Groups, die wie Spielgruppen aussehen
Ein Dutzend Frauen arbeitet in meditativer Stille, während sie behutsam Collagen aus Barbie-Puppen, großen bunte Lutschern und Stücken von Federboas auf schwarzen Holzfaserplatten arrangieren. Ein Kunstprojekt? Die neueste Nachmittagsbeschäftigung gelangweilter Upper East Side-Hausfrauen? Weit gefehlt! So sehen die neuen Fokusgruppen der New Yorker Marktforscherin Malika Sanna, Gründerin von Spark NYC aus, die damit Kunden wie Unilever oder Time Warner Cable zu einem tieferen Einblick in die Emotionen ihrer Kunden verhilft.“

Der link zum NYT Artikel, aus dem diese Beschreibung entnommen ist: http://nyti.ms/mCWJjl

Sieht so die Fokusgruppe 2.0 aus?

Auch so. Ist meine Antwort. Darin liegt das Missverständnis. Denn da ich keine perfekte Methode kenne, wird keine Methode andere komplett ablösen können. Es wird für geeignetere Anwendungsmöglichkeiten für die eine oder die andere geben. Als methodischer Berater obliegt es uns Marktforschern, die für das anstehende Projekt bestmögliche Methode vorzuschlagen – ohne zu verschweigen, was durch die gewählte Methode eben nicht so gut abgedeckt werden kann.

Werden Kunden-, Nutzer- oder Zielgruppenblogs Fokusgruppen ersetzen? Zweifelsohne sind das interessante Optionen, zumal die Auswertung einerseits manuell, andererseits mit Social Media Analyse Tools durchgeführt werden kann. Allerdings: Ein Blog wird vom aktiven Verlautbarungsinteresse der Kunden, Nutzer oder Zielgruppen gesteuert. D.h. darin werden Aspekte, die erst auf den zweiten Blick wichtig sind, z.B. solche, ohne die etwas nicht wichtig wäre, potenziell unterschätzt bzw. nicht berücksichtigt. Blogger (be-)schreiben nicht Dinge, die für sie grundsätzlich und vorausgesetzt „so sind“. Für derartige Insights empfiehlt sich eine (Moderations-) gesteuerten qualitativen Forschung.

Für jedes Projekt sollte die Methode „Fokusgruppe“ angepasst werden auf das Sujet, die Interessen des Auftraggebers. Gute Fokusgruppen sind also stets individuell auf das bestimmte Projekt zugeschnitten.

Meist entstehen ja gerade in der Auseinandersetzung des konkreten Projektes Ideen, die sich dann in „neuen Methoden“ manifestieren. Das funktioniert aber nur, wenn man methodisch offen bleibt und, wenn es das Projekt erfordert, auch mal zur „normalen“ Fokusgruppe greift. Weil auch dieses Instrument mitunter die beste Methode darstellen kann.

Siehe dazu auch mein Forenbeitrag inkl. Diskussion auf Xing: Warum eigentlich sind „normale“ Fokusgruppen in Verruf geraten?


Informationsverflachung durch Interessen filternde Algorithmen

Eli Pariser bei einer TED Veranstaltung zum Thema Beware online „filter bubbles“.

Er stellt fest, dass Interessen filternde Algorithmen das Blickfeld einengen. Auch die Zeit 26/2011 vom 22.6.2011 setzt sich auf S.37 mit dem Thema auseinander (noch? nicht online verfügbar).

Man könnte den Effekt auch Informationsverflachung nennen. Kreativität lebt vom „nicht Angepassten“. Das heißt, Ideen entstehen (mindestens sehr viel eher) bei einem Musterbruch. Genau das aber verhindern die google’schen oder facebook’schen Algorithmen. Sie erzeugen einen Fluss des langweilig Bekannten, Angepassten, der Kreativität und Ideentum über kurz oder lang ruiniert.

Mir ist es nicht gelungen, in Facebook ein zu entfernendes Häkchen zu finden, die diesen Algorithmus abschaltet :-( Bei Google können Cookielöschung und (so merkwürdig es klingt) das eingeloggte Suchen Abhilfe schaffen. Denn nur mittels Registrierung kann man die Art des Suchens manipulieren.

Diese Algorithmen unterstellen, dass der bestehende Blickwinkel der persönlich „richtige“ ist. Doch selbst für das einzelne Subjekt lässt sich derartige Objektivität nicht aufrecht erhalten. Schon allein das heraklit’sche panta rei zeigt, dass etwas, was heute stimmt, das Richtige ist, morgen nicht unbedingt stimmen, das Richtige bleiben muss.

Man hüte sich daher vor zu viel „wir (Google, Facebook etc.) wissen – viel besser als Du – was für Dich Nutzer gut ist“. Die Anbieter überschreiten damit die Grenze eines unterstützenden Instruments hin zum bevormundenden. Im Extrem also bringt dieser Algorithmus nicht größeren Nutzen für den Nutzer, sondern Gleichschaltung, Mittelmaß und altbacken Bekanntes.

Eine der letzten Innovationen wäre vermutlich, dass ein „verbesserter“ Algorithmus die Wünsche des Nutzers schon vor Emergieren „erkennt“ und entsprechende Vorschläge unterbreitet. Das aber bedeutet das Ende von Individualität und Selbstbestimmtheit.

Auf Deutsch soll das Buch unter dem Titel „Die Blase des Vorsortierten“ bei Hanser im kommenden Jahr erscheinen. Einstweilen hier für Kaufinteressierte der Hinweis auf den Originaltitel: